Mal über den Tellerrand schauen und in Erfahrung bringen, wie denn die kaufmännische Ausbildung in Deutschland organisiert ist, das wollte der Vorstand des Verbands Lehrende IKA wissen und hat auf seiner Bildungsreise nach Karlsruhe mit der Schulleitung der Walter-Eucken-Schule die beiden Systeme verglichen. Lesen Sie hier den Bericht.

Der Ausbildungsweg von der Primarschule bis zum Hochschulabschluss verläuft in Deutschland ähnlich, aber noch komplexer, als in der Schweiz. Diese Grafik verdeutlicht dies:

Wie in der Schweiz herrscht auch in Deutschland die Maxime: Kein Abschluss ohne Anschluss. Obwohl die Bildung in der Hoheit der 16 Bundesländern liegt und damit Unterschiede von Bundesland zu Bundesland möglich sind, gelten bundesweit einheitliche Ausbildungsregeln.

In Deutschland ist die Quote der Abiturienten zwischen 2006 und 2016 von 30 auf 41 Prozent gestiegen, was sich auch beim Vergleich der Ausbildungsverträge zu Studienanfänger/-innen niederschlägt. Die Zahlen haben sich nahezu angeglichen, was bedeutet, dass jedes Jahr etwa gleich viele Personen ein Studium beziehungsweise eine Lehre beginnen.

Obwohl nur etwa 20 Prozent der Betriebe Lehrlinge ausbilden, finden diese oft nur händeringend und mit kreativem Werbeaufwand die geeigneten Interessenten. Oftmals verhindern die fehlende Sprachkompetenz (Migranten) oder andere Gründe den Abschluss eines Ausbildungsvertrages.

Die kaufmännische Berufsausbildung in Deutschland/Baden-Württemberg

In Deutschland gibt es nicht nur eine kaufmännische Ausbildung, also das hierzulande bekannte «KV», sondern mehr als 20 unterschiedliche kaufmännische Ausbildungsberufe und nach Angaben des Bundesinstituts Berufsbildung sogar 54 kaufmännische Berufe. Hier eine nicht abschliessende Liste:

  • Bankkaufmann/-frau
  • Immobilienkaufmann/-frau
  • Industriekaufmann/-frau
  • Informatikkaufmann/-frau
  • IT-System-Kaufmann/-frau
  • Kaufmann/-frau für audiovisuelle Medien
  • Kaufmann/-frau für Büromanagement
  • Kaufmann/-frau für Dialogmarketing
  • Kaufmann/-frau für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen
  • Kaufmann/-frau für Marketingkommunikation
  • Kaufmann/-frau für Spedition und Logistikdienstleistung
  • Kaufmann/-frau für Tourismus und Freizeit
  • Kaufmann/-frau für Verkehrsservice
  • Kaufmann/-frau für Versicherungen und Finanzen
  • Kaufmann/-frau im Einzelhandel
  • Kaufmann/-frau im Eisenbahn- und Strassenverkehr
  • Kaufmann/-frau im Gesundheitswesen
  • Kaufmann/-frau im Gross- und Aussenhandel
  • Kaufmännische/r Assistent/in (Wirtschaftsassistent/in)

Trotz dieser starken Aufgliederung erscheint die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel bei den Männern auf dem 2. Platz der beliebtesten Ausbildungsberufe. Bei den Frauen belegen sogar gleich drei kaufmännische Berufe die Plätze 1, 2 und 5.

Die Ausbildung im Bereich Office/Bürokommunikation

In allen kaufmännischen Berufen gibt es kein eigenständiges Fach analog unserem IKA. Die Office-Schulung dient «nur» als Werkzeug für die «Hauptfächer», wie zum Beispiel Wirtschafts- und Sozialkunde.

Die Schulbücher stellt an der WES der Schulträger (Stadt Karlsruhe) zur Verfügung und verlangt, dass diese 5 Jahre gültig sind. Deshalb schaffen die Schulen keine Office-Lehrbücher an, sondern die Lehrpersonen schreiben eigene Skripte oder kopieren Unterrichtsmaterial aus Büchern zusammen.

In den Lehrplänen für die Kaufleute (z. B. Bankkaufmann) sind einige Themen aus dem Office-Bereich aufgezählt, z. B. insgesamt 6 Themen je 20 Lektionen. Daraus kann der Lehrer dann 2 Themen auswählen und unterrichtet somit nur 1 Jahreslektion. Das ist alles, was diese Kaufleute im Officebereich an Schulung in der Lehre haben.

Intensiver verläuft die Ausbildung im «Officebereich» für Kaufleute Bürokommunikation. Sie absolvieren in der Regel nach 1,5 Jahren, also zur Hälfte der Ausbildungszeit, eine vorgezogene Abschlussprüfung. Die Aufgabenstellungen sind sehr offen gehalten im Vergleich zu unseren QV-IKA-Prüfungen und werden nach Abschluss der Korrekturen veröffentlicht, z. B. ist die Prüfung vom Sommer 2017 bereits im November 2017 auf dem Netz zu finden https://www.grips-pruefungsaufgaben.de/:

Die Abschlussprüfung wird landesweit erstellt und durchgeführt (gleicher Tag, gleiche Zeit). Autoren sind ausgewählte bzw. vorgeschlagene Lehrpersonen, die jeweils eine Prüfung verfassen. Eine Kommission wählt dann aus den verschiedenen Vorschlägen einen aus oder mischt eine Prüfung aus den Vorschlägen verschiedener Autoren zusammen.